Mittlerweile hatte Grundig nicht nur in Nordrhein-Westfalen, sondern auch in anderen Teilen Westdeutschlands wendige Händler, die sich auf dem Schwarzmarkt auskannten, als Werksvertreter installiert. Sie zahlten bei Abnahme der Ware sofort in bar oder kompensierten die Heinzelmänner mit Rohstoffen, so daß Grundig weder Geld- noch Rohstoffsorgen hatte.
Diese Anfangserfolge ermutigten den zunächst sehr vorsichtig operierenden Grundig bald zu kühneren Plänen. Sein Mitarbeiterstab war inzwischen auf 150 Männer und Frauen angewachsen. Ingenieure und Hochfrequenztechniker, Experten der Modulation und des guten Klanges, die anderswo keine geeignete Betätigung gefunden hatten, waren ihm zugeströmt
Denn die früher in Berlin und Mitteldeutschland ansässigen altrenommierten Firmen wie Telefunken, Blaupunkt, Graetz, Schaub, Loewe und Mende faßten in westdeutschen Ausweichbetrieben nur langsam-Fuß. Grundig nutzte den Vorsprung: Er ließ von seinen Spezialisten einige zugkräftige Gerätetypen entwerfen, die er nach Verkaufsgesichtspunkten („Ich habe lange genug hinter dem Ladentisch gestanden und kenne den Geschmack des Publikums") umfrisierte.
Hier kommt zum ersten Mal Max Grundigs eigentliche Stärke zum Vorschein, nämlich sein Instinkt für das, "was die Kunden wünschen".
Das eine oder andere Gerät stand für den Tag X der Währungsreform bereit, um weit bescheidenere Kreationen der nachhinkenden Konkurrenz aus dem Feld zu schlagen. Dabei kam Grundig sehr zustatten, daß er den X-Tag (20. Juni 1948) schon zehn Tage vor der offiziellen Verkündung kannte. Einer seiner Werksvertreter hatte den Termin von einem Verwandten des späteren sogenannten Vizekanzlers Franz Blücher erfahren. Blücher gehörte damals zum Rat der Drei, der gemeinsam mit alliierten Behörden die Währungsumstellung vorbereitete.
Grundig beeilte sich, bereits vor dem 20. Juni seine Lagervorräte zu den Hauptvertriebsstätten zu verfrachten. Wenige Stunden nach Anbruch der D-Mark-Ära verteilten die Werksvertreter Grundigs Apparate auf die Schaufenster der Einzelhändler.
Die Mangelware Rundfunkgeräte war so verlockend, daß große Familien schon in der ersten Woche nach dem Währungsschnitt ihre Kopfquoten zusammenlegten und sich als erste größere Neuanschaffung einen Grundig-Apparat leisteten. Bereits am Wochenende erhielt Grundig von seinen Werksvertretern mehrere zigtausend Mark in neuer Währung.
Die Kunden interessierten sich besonders für Grundigs 4-Röhren-Super „Weltklang", der nach damaligen Begriffen das erste Gerät war, das sich schon rein äußerlich mit seinem gefälligen hölzernen Gehäuse von den primitiven Kriegs- und Nach-kriegsfabrikaten mit Bakelitgehäuse abhob. Es fand bedeutend mehr Anklang als ein ähnlich leistungsfähiges Gerät, das mehrere alte Firmen gemeinsam herausbrachten: ein Super mit Kunststoffgehäuse. Für zahlungskräftige Kunden frisierte Grundig schon damals seinen Super auf Luxus; für ein wenig mehr Blech und Lack strich er einen Aufpreis von 50 Mark je Gerät ein.
Trotz seiner publikumswirksamen Aufmachung erwies sich jedoch nicht jedes Grundig-Gerät als Volltreffer. Eines der ersten fünf Modelle, der Grundig-Typ 268, war ein ausgesprochener Versager. Es hagelte Reklamationen.
Wütend riß Grundig in seiner Rundfunkgeräte-Fabrik den Riemen von der Transmissionsscheibe. Dann schloß er den Leiter des Entwicklungslabors Hans Eckstein und die Techniker, die den Fehler verschuldet hatten, in ihre Arbeitszimmer ein und verlangte von ihnen binnen kürzester Frist ein fehlerfreies, pannensicheres Gerät. Um die Techniker bei Kraft und Laune zu halten, ließ Grundig ihnen durch ein Fenster üppige Mahlzeiten reichend wobei er sich allerdings eine seiner Standard-Redensarten nicht verkneifen konnte: „Dös alles von meim Gold." Die Klausur dauerte drei Tage; inzwischen hatten die Techniker den Typ 268 zu Grundigs Zufriedenheit umkonstruiert.